In den vergangenen Jahren wurde viel über die anonyme Bewerbung und die Anonymisierung von Bewerbungsverfahren, die vor allem Diskriminierung vermeiden soll, diskutiert. Vor dem Hintergrund einiger Studien wird darüber gesprochen, ob eine anonyme Bewerbung die Chancen auf dem Arbeitsmarkt fördert oder ob an dieser Stelle eine mögliche Diskriminierung nur auf das Vorstellungsgespräch verschoben wird.

Das Wesentliche zählt

Das anonymisierte Verfahren soll dazu beitragen, Diskriminierung zu verringern und gleiche Voraussetzungen für alle schaffen. In den USA, Kanada und Großbritannien gehören anonyme Bewerbungen längst zum normalen Bewerbungsalltag. Die Bewerbungsunterlagen zu anonymisieren bedeutet, nur Aussagen über die Fähigkeiten eines Bewerbers zuzulassen. Alles, was mögliche Diskiminierung nach sich ziehen könnte, wird hingegen verschwiegen.

Dazu gehören Angaben über:

  • Geschlecht
  • Herkunft
  • Alter
  • Aussehen
  • Persönliche Interessen
Für anonyme Aspiranten bedeutet das, dass sie ihren Namen, ihre Nationalität, ihr Geburtsdatum, ihr Foto und die Angabe zu ihren persönlichen Interessen aus dem Anschreiben und dem Lebenslauf streichen. Heraus kommt eine Bewerbung, die lediglich zeigt, was ein Kandidat kann und welche Erfahrungen er mitbringt. Es zählt nur das, was ihn für den Job qualifiziert.

Studie: Nachteile für Bewerber mit türkischen Namen

In Deutschland sollten durch das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz und wachsende Integrationsbereitschaft für jeden gleiche Voraussetzungen im Bewerbungsprozess herrschen. Gerade Kandidaten mit ausländischer Herkunft haben dennoch Probleme, sich bei manchen Personalern und Arbeitgebern im Bewerbungsprozess durchzusetzen. Die Chancen für sie sind leider nicht dieselben wie für deutschstämmige Bewerber.

Beispielsweise hat ein Versuch von Forschern der Universität Koblenz 2010 gezeigt, dass sich die Chancen auf ein Vorstellungsgespräch für Aspiranten um 14% verringern, wenn diese einen türkischen Namen tragen. In kleineren Unternehmen hatten diese trotz der gleichen Qualifikation für den Job sogar 24% geringere Chancen.

Bei dem Versuch wurden über 1000 Bewerbungen für Praktikumsstellen von fiktiven Wirtschaftsstudenten verschickt. Die Bewerbungen waren inhaltlich und nach den Qualifikationen gleichwertig. Bei allen Unterlagen wurde zudem darauf geachtet, dass die fiktiven Aspiranten deutsche Staatsbürger und Muttersprachler waren. Den Bewerbungsunterlagen wurden lediglich Namen zugeordnet, die entweder eindeutig deutsch oder türkisch waren.

In Deutschland ist die anonyme Bewerbung noch umstritten

Das anonyme Verfahren hat sich in Deutschland noch nicht durchgesetzt. Nachdem 2010 ein Pilotprojekt der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) mit 8 Arbeitgebern positive wie auch negative Effekte der anonymisierten Bewerbung mit sich brachte, zog das Projekt in mehreren Bundesländern weitere Modellversuche nach sich. In diesen Versuchen testeten mehrere Unternehmen ein Jahr lang das anonymisierte Bewerbungsverfahren.

Während der Versuche nahmen die teilnehmenden Arbeitgeber nur anonyme Bewerbungen entgegen. In dem Projekt »Anonym bewerben in Baden-Württemberg« beispielsweise nahmen 2013 elf Organisationen freiwillig an dem Versuch teil. Insgesamt wurden 981 Bewerbungen während des Verfahrens eingesehen. 354 Bewerber wurden zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen und 67 davon eingestellt.

Die Ergebnisse brachten gute Argumente für ein anonymes Bewerbungsverfahren zum Vorschein. Aber auch Kritikpunkte ließen sich durch die Modellversuche feststellen.

Chancen für Bewerber

Die Vorteile für Bewerber liegen klar auf der Hand. Die anonyme Bewerbung stellt vor allem für all diejenigen, die auf dem Arbeitsmarkt mit Vorurteilen konfrontiert werden, eine Lösung dar. So kann ein anonymisiertes Anschreiben inklusive eines neutralen Lebenslaufes dazu führen, dass Frauen, jemand über 50, ein türkischstämmiger Kandidat oder eine körperlich beeinträchtigte Person eher aufgrund der richtigen Qualifikation zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Bevor diese in der ersten Runde des Bewerbungsprozesses scheitern, wird der Blick des Personalers nun durch anonyme Bewerbungsunterlagen auf die Fähigkeiten und Kenntnisse des Aspiranten gelenkt.

Neben der Chancengleichheit stellt auch die Vergleichbarkeit der Kandidaten einen wesentlichen Pluspunkt des Verfahrens dar. Arbeitgeber und Personaler können die einzelnen Bewerber viel einfacher anhand ihrer Informationen miteinander vergleichen. Die Sichtung aller Unterlagen wird somit effizienter und führt womöglich zu einem besseren Ergebnis für das Unternehmen. Es wird genau der Kandidat für den Job eingestellt, der auch die besten Voraussetzungen mitbringt.

Risiken und Kritik der anonymen Bewerbung

Nicht zuletzt aufgrund der regen Kritik an dem Verfahren hat es sich in Deutschland noch nicht durchgesetzt. Gegner des anonymen Verfahrens unterstellen diskriminierenden Unternehmen, dass diese auch nicht davor zurückschrecken, die Diskriminierung spätestens im Vorstellungsgespräch zu zeigen.

Abgesehen von der bewussten Diskriminierung kann die anonyme Bewerbung auch bei der unbewussten Diskriminierung zu Problemen führen. So kann es für Berufsanfänger nach dem Studium hinderlich sein, mit einem anonymen Lebenslauf einen Job zu ergattern. Denn an dieser Stelle zählen nicht die persönlichen Leidenschaften und Stärken, sondern die Erfahrungen im Beruf.

Außerdem können durch anonyme Bewerbungen Kandidaten nicht mehr gezielt aufgrund ihres Geschlechtes oder ihrer Herkunft ausgewählt werden. Gerade durch Aspekte wie die Frauenquote oder den Wettbewerb um ausländische Fachkräfte verliert das anonyme Bewerbungsverfahren an Sympathisanten.

Es zählt die Individualität

Auch wenn eine anonyme Bewerbung dazu führt, dass ein Kandidat eher zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird, zählt letzten Endes neben den Fähigkeiten und Kenntnissen auch die Persönlichkeit für das Unternehmen. Vielen Arbeitgebern ist es wichtig, dass ein Arbeitnehmer zu seinem Unternehmen passt. Individualität zählt auf dem heutigen Arbeitsmarkt erheblich. Personaler sind besonders hellhörig, was Charaktereigenschaften angeht. Da spielt zwar das Geschlecht oder die Herkunft weniger eine Rolle, dennoch sollte eine Bewerbung stets Individualität zeigen.

Um einen Arbeitgeber zu überzeugen, reicht es nicht aus, mit einem standardisierten Formular zu punkten und die einzelnen Stationen des Lebenslaufes aufzuführen. Persönlichkeit und Individualität im Anschreiben, gepaart mit Professionalität erhöhen die Möglichkeiten auf ein Vorstellungsgespräch viel ausschlaggebender. Es sollte ein persönlicher Bezug zum Unternehmen und der ausgeschriebenen Stelle hergestellt werden.

Unser Tipp: Für eine individuelle Bewerbung können Bewerber professionelle Hilfe in Anspruch nehmen und sich ihre Bewerbungsunterlagen fachkundig erstellen lassen.

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Über den Autor

Stefan Gerth

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