Zeugniscode in Arbeitszeugnissen

In kaum einem Arbeitszeugnis werden Sie klare Worte darüber finden, wenn ein Arbeitnehmer mit Ihnen unzufrieden war. Das liegt daran, dass Zeugnisse oft in verschlüsselter Sprache, so genannter Zeugnissprache, geschrieben werden. Dieser sogenannte Zeugniscode ist entstanden, da das Gesetz einen klaren Widerspruch erzeugt. Einerseits verlangt es, ein Zeugnis müsse »wahr« sein, um Ihren neuen Arbeitgeber zu unterrichten, andererseits soll es »wohlwollend« sein, um die weitere berufliche Laufbahn vom Mitarbeiter nicht zu erschweren.

Beurteilungen werden daher durch bestimmte standardisierte Formulierungen ausgedrückt – eine Farce, da jeder sie in Büchern nachschlagen kann und sie daher ein offenes Geheimnis sind.



Zeugniscodes als »Schulnoten« im Arbeitszeugnis

Es wurden bereits Bücher zum Arbeitsrecht verfasst, in denen man die Interpretationen zu den jeweiligen Formulierungen nachschlagen kann. Es ist erstaunlich, wie viel kleine Unterschiede in einer Formulierung ausmachen können.

Das Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Arbeitskollegen …

war stets vorbildlich sehr gut
war vorbildlich gut
war stets einwandfrei voll befriedigend
war einwandfrei befriedigend
war ohne Tadel ausreichend
gab zu keiner Klage Anlass mangelhaft

Außerdem existiert eine Notenskala für die Formulierung von Leistungen:

… stets zu unserer vollsten Zufriedenheit sehr gut
… stets zu unserer vollen Zufriedenheit gut
… zu unserer vollen Zufriedenheit voll befriedigend
… stets zu unserer Zufriedenheit befriedigend
… zu unserer Zufriedenheit ausreichend
… im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit mangelhaft
… bemühte sich, den Anforderungen gerecht zu werden ungenügend

Darüber hinaus gibt es weitere Möglichkeiten für den Arbeitgeber, mit harmlos klingenden Formulierungen negative Aussagen zu treffen. Somit gibt das Fehlen bestimmter Standardformulierungen Ihrem potenziellen neuen Arbeitgeber Hinweise. Etwa wenn bei einem Verkäufer nicht von erfolgreichen Abschlüssen oder bei einem Bankangestellten nicht von Kundenorientierung die Rede ist. Eine andere Methode ist es, völlig unwichtige Details wie die Pünktlichkeit in den Vordergrund zu stellen. Steht bei einer Aufzählung von Tätigkeiten das Unwichtige am Anfang? Dann weiß der geübte Leser sofort: Die Leistung wird hier als ungenügend dargestellt.

Weitere ungünstige Formulierungen im Arbeitszeugnis

  • passive Formulierungen (»wurde mit XY beauftragt«)
  • einschränkende Formulierungen (»gegenüber Kunden war sie stets hilfsbereit« = gegenüber Vorgesetzten und Kollegen war sie es nicht) und
  • negative Formulierungen (»… gab es nichts zu tadeln«).

Auch ein vor Lobeshymnen überschäumendes Zeugnis kann negativ ausgelegt werden: als sogenanntes »Gefälligkeitszeugnis«. Der geschulte Personaler erkennt es daran, dass pauschal klingende Superlative oder gar ­Übertreibungen aneinandergereiht werden, ohne dass der Arbeitnehmer persönlich gewürdigt wird. Ein solches Zeugnis wird öfter bei Insolvenzen und betriebsbedingten Kündigungen ausgestellt.



Generell gilt für jedes Arbeitszeugnis:

Zu gute Zeugnisse sind unglaubwürdig. Zumindest wird der Personaler den Verdacht haben, dass Sie das Zeugnis selbst geschrieben haben.


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